Was ist eigentlich Postfaktisch?
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Zunächst einmal wäre der Begriff „postfaktisch“ zu klären. Anders als vielleicht vermutet, ist dieser Begriff als solcher älter als man denkt. Im Englischen tauchte er erstmals im Jahr 2004 auf, als Ralph Keyes das Buch The Post-Truth Aerea: Dishonesty and Deception in Contemporary Life veröffentlichte. Keyes will damals beobachtet haben, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts die Akzeptanz des Lügens und der Faktenverdrehung gestiegen sei. Die Bevölkerung erwarte nahezu (bis zu einem gewissen Grad) von seiner eigenen Regierung belogen zu werden. Der Zynismus innerhalb der Gesellschaft würde immer größer, so Keyes. Wer beim Lügen erwischt würde, tendiere dazu, sich damit herauszureden, indem er etwa behaupte, lediglich „übertrieben“ oder sich „versprochen“ zu haben, „falsch informiert“ gewesen oder mit der Wahrheit „ökonomisch“ umgegangen zu sein.1

Der Begriff war, wie das deutsche Pendant heutzutage, Kind seiner Zeit. Er tauchte in einer Phase auf, als es im Jahr 2004 erste Anzeichen dafür gab, dass die USA aufgrund einer dreisten Lüge in den Irak Krieg gezogen waren. Colin Powell hatte am 5. Februar 2003 eine Rede vor dem UN-Sicherheitsrat gehalten, die beweisen sollte, dass der Irak die ganze Region gefährdende Massenvernichtungswaffen besaß. 2 Trotzdem der Sichherheitsrat einen Angriffskrieg ablehnte, setzten sich USA und Großbritannien durch, indem sie von ihrem Vetorecht Gebrauch machten. Am 20. März 2003 starteten sie ihren umstrittenen Angriff gegen den Irak. Später stellte sich heraus, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen besaß, jener Angriffskrieg tatsächlich auf einer Lüge basierte.3

Für Georg W. Bush blieben politische Konsequenzen dennoch weitgehend aus. Nach den Anschlägen des 11. Septembers, hatte er den größten Teil der verängstigten US-Bevölkerung hinter sich. Seine gezielten, teils pathetischen Bemühungen, den Krieg zu rechtfertigen, stießen auf positive Resonanz. Immer wieder stellte er nicht vorhandene Verbindungen zwischen Al-Qaida und dem Hussein Regime her, sodass der Eindruck entstand, Saddam Hussein habe trotz mangelnder faktischer Beweislage trotzdem irgendetwas mit den Anschlägen vom elften September zu tun. Bush nutzte geschickt, ganz im Sinne einer postfaktischen Politik, die angeschlagene emotionale Stimmung der Bevölkerung aus, die sich durch die Anschläge vom elften September immer noch erschüttert zeigte, um sein Vorgehen ex post zu legitimieren. Das Vertrauen in den Präsidenten war sogar so groß, dass er im November 2004 wiedergewählt wurde. Die Bush Administration kann ein Beispiel geben, wie postfaktische Politik für einen gewissen Zeitraum machterhaltend wirken kann.

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13 Jahre später: die Situation im nahen Osten ist so prekär wie nie zuvor: IS-Milizen marodieren durch den Irak, der arabische Frühling mutierte in Syrien zu einem blutigen Bürgerkrieg, die Flüchtlingsdebatte beherrscht den öffentlichen Diskurs und der US-Wahlkampf hält die Welt in Atem.

Anders als im Jahr 2004 werden die Probleme nun nicht mehr nur im Fernsehen oder innerhalb des Freundeskreises diskutiert, sondern auch in den sozialen Netzwerken oder im Kommentarbereich verschiedener Nachrichtenseiten. Immer öfter ist die von einem postfaktischen Zeitalter die Rede. Sogar Angela Merkel sagte auf einer Pressekonferenz nach der verloren Berlin-Wahl der CDU: „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten.“ Heißen sollte das wohl: die Menschen interessieren sich nicht mehr so sehr für Fakten, sondern folgen lieber ihren Gefühlen.4

Merkel hat die Situation nüchtern analysiert. Immer mehr Menschen neigen tatsächlich dazu, die Fakten zugunsten der eigenen Weltanschauung zu ignorieren bzw. zu manipulieren, was populistische Politiker wie Frauke Petry, Geert Wilders, Marie Le Pen, Boris Johnson und Donald Trump dazu veranlasst, ihren politischen Nutzen daraus zu ziehen. Ganz im Sinne der Postfaktizität führen diese die politischen Debatten nicht auf der Basis von belastbaren Fakten, sondern nutzen die Gefühlslage innerhalb der eigenen Bevölkerung aus. Da, wie Keyes schon 2004 bemerkt hatte, die Toleranz gegenüber dem Lügen und der Tatsachenverdrehung gestiegen ist, ist es vielen der Unterstützer egal ob ihre eigenen Politiker lügen. Zumindest gefühlt sagen sie ja die Wahrheit. Und darauf scheint es anzukommen. Unterstützer der Populisten sehen die Lüge nicht mehr als Tabu sondern als Mittel zum Zweck, als ein nötiges Übel, um eigene politische Vorstellungen umzusetzen.

Fußnoten

1 Ralph Keyes; The Post-Truth Era: Dishonesty and Deception in Contemporary Life

2 http://edition.cnn.com/2003/US/02/05/sprj.irq.powell.transcript/ ( 28.1. 2016 )

3 http://edition.cnn.com/2008/POLITICS/01/23/bush.iraq/ ( 28.1. 2016 )

4 http://www.rp-online.de/politik/deutschland/angela-merkel-und-das-postfaktische
-zeitalter-die-kanzlerin-und-die-macht-des-wortes-aid-1.6283541 ( 28.1. 2016 )

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