GESCHICHTE UND STATUS QUO DER INFORMATIONSFLUT
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Informationsflut. Ein neues Phänomen?

Im Mittelalter war das Privileg des Lesens sowie, der Besitz und die Vervielfältigung von Büchern meist nur Adligen oder Mönchen vorbehalten. Diese konnten dadurch die Informationen, die an die Bevölkerung drangen, kontrollieren und zu ihren Gunsten manipulieren, um das bestehenden Machtgefälle aufrecht zu erhalten. Die gemeine Bevölkerung wurde -wenn überhaupt – von sogenannten Dorfschreiern oder durch über die tägliche Messe informiert.

Dies änderte sich schlagartig mit der Erfindung des Buchdruckes 1438 durch Johannes Gutenberg. Nun war es möglich, Bücher in hohen Auflagen und zu geringen Kosten zu drucken. Über die Köpfe des Adels und der Kirche hinweg wurden wissenschaftliche, theologische und revolutionäre Ideen in hohen Auflagen verbreitetet. Neben dem Adel, den Klerikern und deren Untertanen entstand so rasch eine neue Schicht des Bildungsbürgertums, das sich an öffentlichen Diskursen zu beteiligen suchte und zunehmend nach Mitsprache in öffentlichen Angelegenheiten verlangte. Die Erfindung des Buchdruckes war somit der Schlüssel zu einem neuem Zeitalter – dem Zeitalter des Wissens, der Wissenschaft und der gesellschaftlichen Beteiligung.

Schon damals wurden Stimmen laut, die sagten, dass durch die neue Vervielfältigungsmöglichkeiten die Qualität der Informationen abnehmen würde und die ansteigenden Menge des Wissens kaum zu verwalten sei. Einer davon war der Theologe Erasmus von Rotterdam, der sich Anfang des 16. Jahrhunderts die Fülle an Büchern und deren miserable Qualität beklagte und sich fragte:

“Gibt es irgendwo auf dieser Welt Befreiung von diesem Schwarm an neuen Büchern?1

Die Erfindung des Buchdrucks mitsamt seiner Folgen ermöglichte schließlich auch die in Frankreich entstehende Bewegung der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Einer ihrer Vertreter war der französische Philosoph und Schriftsteller Denis Diderot (1713-1784). Die Aufklärung verschrieb sich der Wahrheit und setzte sich zum Ziel, die Welt und das Universum auf rationale Art und Weise zu erklären.

Die Aufklärung stellte sich gegen dem in Frankreich herrschenden Absolutismus und forderte die Säkularisierung, sprich die Loslösung von Staat und Kirche. Die Ideen der Aufklärung mündeten schließlich in die französische Revolution (1789) und hatten auch großen Einfluss auf die Gründung und die Konstitution der vereinigten Staaten von Amerika (1776). Schon damals sprach Diderot, was aus heutiger Sicht schwer vorstellbar aber bei näherer Betrachtung nachvollziehbar ist, erstmals von einer Informationsüberflutung. Er stellte fest:

„Im Laufe der Jahrhunderte wird die Zahl der Bücher kontinuierlich steigen und es wird die Zeit kommen in der es genau so schwierig sein wird etwas von Büchern zu lernen wie von dem gesamten Universum.2

Dieses Zitat ist aus der heutigen Sicht äußerst interessant. Diderot hatte damals sicher nicht die Erfindung einer Technologie wie des Internets in Erwägung gezogen, jedoch war er sich durchaus dessen bewusst, dass das weltliche Wissen und die dazu gehörigen Publikationen exponentiell steigen wird. Diderots Lösung zur damaligen Zeit war die Erstellung einer Enzyklopädie, die das bisher vorhandene Wissen der Zeit in eine rationale verständliche und selektierte Ordnung brachte. Dieses Werk umfasste 142 Autoren unter ihnen waren bekannte Aufklärer wie Jean-Jacques Rousseau und Voltaire. Diese „Eindampfung“ des Wissens auf das Wesentliche sollte Wichtiges nicht vergessen machen und Unwichtiges beziehungsweise falsches Wissen ausklammern. Zu dieser Zeit waren aber nur kleine elitäre Gruppierungen von der Informationsüberflutung betroffen. Erst durch die Alphabetisierung und den technischen Fortschritt wurde es zu einem bevölkerungsübergreifenden Problem.

Die Handhabung dieses Problems ist im sogenannten Informationszeitalter noch schwerer. Zwar gibt es Seiten wie Wikipedia die versuchen das gesamte Wissen der Menschheit zu archivieren, aber die Autoren dieser Artikel stehen viel größeren Problemen gegenüber als Diderot im 18. Jahrhundert, denn die Fülle an relevanten Informationen und Forschungsergebnissen wird jeden Tag größer und fast jeden Tag kommen neue Erkenntnisse dazu.

Das Problem mit der Information im Informationszeitalter

Die Geschwindigkeit, in der heutzutage Informationen und Nachrichten veröffentlicht werden, ist ein großes Problem. Von einem geschäftlichen Standpunkt ist es für Nachrichtenseiten oft wichtiger die vermeintlichen Nachrichten sofort zu veröffentlichen, um nicht an Relevanz zu verlieren. Denn nur, wer der erste ist, generiert die meisten Klicks. Eine tiefgehende Recherche bleibt oft aus Zeitgründen aus beziehungsweise wird erst später nachgereicht. Die Artikel mit Falschmeldungen verbreiteten sich viral und schwirren manchmal noch monatelang im Netz umher. Dazu werden sie für politische Zwecke instrumentalisiert, obwohl diese sich hinterher oft als Falschmeldung und inhaltlich nicht korrekt erweisen. Und selbst wenn diverse Falschmeldungen korrigiert oder von anderen Nachrichtenseiten für falsch befunden werden, heißt dies nicht, dass diese nicht weiter verbreitet werden. Oft fällt in diesem Zusammenhang das Wort „Lügenpresse“, eine von den Nationalsozialisten ins Leben gerufene Verunglimpfung der Presse der Weimarer Republik. Es geht dabei weniger um überprüfbare Wahrheiten als vielmehr um die Fütterung der eigenen Weltanschauung bzw. Interessen. Dies geht soweit, dass man Nachrichten oder die Legitimität einer Nachricht selbst bestimmen kann, da es mit der Vielzahl an Nachrichtenseiten sicher eine Version der Ereignisse gibt, die einem selbst am besten passt. In den Wahlkampfjahren 2015/16 kam es zur einer Häufung von sogenannten „Fake News“, die vor allem auf den sozialen Netzwerken verbreitet wurden. Das ist vor allem problematisch, wenn man sich die Zahl der Leute anschaut, die ihre Nachrichten aus den sozialen Netzwerken beziehen. Etwa 62 % der U.S Bevölkerung beziehen ihre Nachrichten aus sozialen Netzwerken3.

“If you don’t read the newspaper, you’re uninformed. If you read the newspaper, you’re misinformed.4

Vor dem World Wide Web musste man sich mit den Informationen abfinden, die man aus Zeitungen, Fernsehen oder Bibliotheken bezog. Eigenrecherche war mit einem großen Aufwand verbunden. Heutzutage hat man auf fast jede Information binnen Sekunden Zugriff. Beim Recherchieren stellt sich oft die Frage nach der Legitimität der dargebotenen Inhalte. Denn mit dem Web 2.0 kommt auch die Information 2.0. Sprich der Nutzer ist, nicht wie früher nur Konsument der Medien, sondern auch der Ersteller der selbigen. Jeder der auf das Internet Zugriff hat, kann eigene Inhalte erstellen und verbreiten. Zu jedem Thema gibt es eine Information und Erkenntnisflut verschiedener Nutzer des Internets. Jeder kann zu einer Art Journalist werden. Viele dieser Seiten imitieren von ihrem Design und Namen die großen Nachrichtenseiten, sodass sie oberflächlich betrachtet den Eindruck der Legitimität erwecken. Bei der Masse an Nachrichtenseiten aus aller Herren Ländern verliert der Ottonormalverbraucher zudem schnell den Überblick. Anders wie bei den großen Medienunternehmen stehen die erstellten Inhalte nicht unter der permanenten und fokussierten Aufmerksamkeit der Bevölkerung und anderen Medienunternehmen. Die Konsequenz ist, dass Inhalte rasant erstellt, aber nicht mit der nötigen Sorgfalt recherchiert werden. Wenn zum Beispiel etwa der Spiegel eine Falschmeldung veröffentlicht oder Fehler bei der Recherche begeht, wird das mit großer Wahrscheinlichkeit registriert und öffentlich angeprangert. So geschehen am 17.1.2017 als Spiegels Online Plattform Spiegel Online, voreilig das Verbot der rechtspopulistischen Partei NPD verkündete. In diesem Fall war der Spiegel durch den öffentlichen Druck gezwungen, eine Klarstellung zu veröffentlichen beziehungsweise sein Vorgehen zu verteidigen5. Anders verhält sich es da mit anderen weniger bekannten Onlinenachrichtenseiten. Diese stehen nicht im direkten Brennglas der Öffentlichkeit. Deren Leserschaft besteht meist aus politisch Gleichgesinnten die ihre ideologischen und gesellschaftlichen Ideen und Werturteile gegenseitig befeuern. Im Internet kann man vollständig anonym Inhalte erstellen und muss nicht mit seinem Namen dafür gerade stehen. Somit ist es kein Wunder, dass das Internet als Nährboden für allerhand von Verschwörungstheorien gilt. Egal welcher Gesinnung man ist man findet im Internet sicherlich Gleichgesinnte.

All diese Faktoren machen unser Zeitalter zu einem „postfaktischen“. Alles ist wahr und falsch zugleich. Je nach Stimmung oder Einstellung. Gibt es überhaupt noch etwas wie eine absolute Wahrheit?

Fußnoten

http://www.duden.de/rechtschreibung/Wahrheit ( 8.1. 2016 )

http://dietergeorgherbst.de/bildeigenschaften-wir-schauen-lieber-als-wir-lesen/ ( 8.1. 2016 )

3 From psycholocical Stress to the emotions: A History of Changing Outlooks; R.S Lazerus, S. 12

Affective picture processing: An integrative review of ERP findings; S.8

 

Quellen

http://dietergeorgherbst.de/bildeigenschaften-wir-schauen-lieber-als-wir-lesen/ ( 8.1. 2016 )

Affective picture processing: An integrative review of ERP findings Jonas K. Olofsson*, Steven Nordin, Henrique Sequeira, and John Polich Biol Psychol. Author 2009 March 1

From psycholocical Stress to the emotions: A History of Changing Outlooks; R.S Lazerus,

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