Die Ökonomie der Aufmerksamkeit
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Das Internet bietet neben dem scheinbar endlosen Informationsfluss vor allem eines: Zerstreuung. Und diese ist nur einen Klick weit entfernt. Wir suchen nicht gezielt nach Nachrichten; sie erscheinen in unserem Newsfeed auf Facebook, in unseren E-Mails, als Push Nachricht auf dem Handy und als Whatsapp Nachricht von unseren Freunden. Wir suchen uns auch nicht aus, wann wir diese Nachrichten bekommen, sie erscheinen einfach und stehlen unsere Aufmerksamkeit, wir sind ihnen ständig und überall ausgesetzt. Fast alles im Internet ist auf unsere Aufmerksamkeit aus und darauf ausgelegt, dass wir es beachten. Dieser Kampf um Aufmerksamkeit wird nicht nur im Internet ausgetragen sondern auch in den Köpfen der Menschen, denn unser Gehirn versucht ständig die Informationen nach Relevanz zu ordnen. Der Autor und Städteplaner Georg Franck spricht deshalb von einer „Ökonomie der Aufmerksamkeit“1. Franck erklärt die Aufmerksamkeit als eine Ressource und wie bei jeder wertvollen Ressource des Planeten wird um diese hart gekämpft. Etwas hat nur so lange Erfolg wie es Aufmerksamkeit hat. Die Aufmerksamkeit geht voraus, alles andere folgt. Der Fußball Star, der die größte mediale Aufmerksamkeit hat, bekommt die besten Werbedeals, der Sender der die meisten Fernsehzuschauer und Social Media Aktivität durch seine Shows generiert, kann am meisten für einen Platz in der Werbepause verlangen etc.

Dabei sind es nicht nur die großen Internetseiten, die um unsere Aufmerksamkeit kämpfen, es sind auch unsere Freunde und Bekannte die uns ständig über ihr Privatleben informieren wollen und dies oft möglichst multimedial. Franck spricht von der „Sozialisierung des Prominent Seins , und dass es nicht mehr der hohen Geburt, der begnadeten Begabung oder der großen Tat bedarf, um prominent zu sein2. Dieses Phänomen ist fast zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung seines Buches Ökonomie der Aufmerksamkeit im Jahr 1998 aktueller denn je und weiter verbreitet als je zuvor. Mit Hilfe der sozialen Netzwerken und Videoplattformen hat jeder die Möglichkeit, sich und seine Meinung in die Öffentlichkeit zu stellen. Anders wie bei den großen Fernsehsendern und Nachrichtenagenturen unterliegen diese Videos nicht der journalistischen Sorgfaltspflicht. Die meisten Zuschauer schalten nicht wegen der Nachrichten ein, sondern eher wegen der Person, welche die Ereignisse kommentiert. Und meistens geht es nicht darum, eine neue Sicht auf die aktuellen Geschehnisse zu bekommen, sondern darum, die eigene Meinung bestätigt zu sehen. Der Zuschauer kann so in eine Art Parallelwelt der Nachrichten abtauchen, die in sich konsistent ist, da jede Falschbehauptung auf einer anderen aufbaut. Die Zuschauer werden ganz im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie mit reißerischen Schlagzeilen oder Videotiteln angelockt. Oft werden diese Artikel oder Videos nicht einmal gelesen bzw. vollständig angeschaut. Die neuen Medien haben es geschafft, die Aufmerksamkeitsspanne der Nutzer derartig zu verkürzen, dass es meistens nur zum Lesen der Schlagzeile gereicht3. Für die meisten Medienproduzenten ist es also ein Muss, große und kontroverse Schlagzeilen zu erstellen, um den Kampf um die Aufmerksamkeit nicht zu verlieren.

In diesem Kampf sind die Nutzer meistens die Verlierer. Denn die Qualität der Nachrichten nimmt ab. Viele Ersteller scheinen die Qualität ihrer Erzeugnisse nicht mehr allzu ernst zu nehmen, da ihre Artikel ohnehin kaum mehr konzentriert und vollständig gelesen werden. In vielen Fällen wird sogar bewusst eine falsche oder irreführende Schlagzeile gewählt, oder die Schlagzeile innerhalb des Artikels wird revidiert, oder es stellt sich im Laufe des Artikels heraus, wie irreführend bzw. widersprüchlich dieselbige ist. In manchen Fällen ist sie gar schlichtweg falsch. Wenn man bedenkt, dass acht von zehn Menschen nur die Schlagzeile und nicht den kompletten Artikel lesen, muss das beunruhigen. Doch kann man nicht allein den Leser deswegen verurteilen, denn wer hat heute tatsächlich schon die Zeit, jeden Artikel oder jedes Video, das im Nachrichtenfeld der sozialen Netzwerke erscheint, aufmerksam zu lesen respektive kritisch zu prüfen. Die Verantwortung liegt also hauptsächlich immer noch bei den Ersteller. Daher wäre wünschenswert, wenn die kritische Selbstüberprüfung der Ersteller wieder stärker ins Zentrum gestellt würde. Doch gewinnt man derzeit eher den Eindruck, dass die Arglosigkeit der Rezipienten für diverse politische Interessen und Ziele ausgenutzt wird.

Als Gesellschaft müssen wir uns daran gewöhnen, dass an ständig an uns medial gezerrt und gezupft wird. Dass Aufmerksamkeit sogar wichtiger wird als Geld und Reputation, sieht man im Fall von Donald Trump. Kein Präsidentschaftskandidat der Geschichte hat sich während des Wahlkampfes derart viele persönliche und politische Fauxpas’ geleistet. Im Laufe seines Wahlkampfes hat er sich über Behinderte lustig gemacht ( Abb. 1 ), hat offen proklamiert, dass er viel schlimmere Methoden der Folter zurückbringen wird (Abb. 2), hat gesagt, dass er die Familien von Terroristen auslöschen will ( Abb. 3 ), er eine Mauer zwischen USA und Mexiko bauen möchte, die Mexiko bezahlen soll (Abb. 4), dass er einen Einreisebann für Muslime verhängen will (was er wirklich in die Tat umgesetzt hat) ( Abb. 5 ) und dass der Klimawandel eine chinesische Erfindung sei ( Abb. 6 ). Es hat dutzende Frauen gegeben, die öffentlich behaupteten, sie seien von ihm sexuellen Missbrauch missbraucht worden4. Trotz alledem haben ihn viele Amerikaner gewählt. Sein Buhlen um Aufmerksamkeit um jeden Preis und seine­ – je nachdem auf welcher Seite man im politischen Spektrum steht – utopischen beziehungsweise dystopischen Versprechungen klangen zumindest für einen Teil des amerikanischen Wahlvolkes allzu verführerisch. Fast wie einem Märchenerzähler wollte man seinen Lügen und Falschbehauptungen offensichtlich Glauben schenken, vielleicht und gerade auch deswegen, weil sie allzu fantastisch anders klangen, als das, was man bisher von Politikern hörte. Und wie die Märchen, die auch pädagogischen Nutzen für die Erzähler stiften, will Donald Trump offenbar bis heute das amerikanische Volk mit seinen Erzählungen erziehen. Seine Anhänger sollen wissen, wo ein imaginärer Feind steht, sie sollen sich letztendlich fürchten und Andersdenkende ablehnen wenn nicht hassen. Die Botschaften und Geschichten Trumps scheinen wie geschaffen für die in Teilen oberflächliche und flüchtige Medienwelt. Trump ist der erste Staatslenker, der sich ihrer kompromisslos und ohne Skrupel bedient.

Abb. 1: Trump macht sich über einen behinderten Reporter lustig
Abb. 2: Trump über Folter

Abb.2: Trump über Folter

Abb. 3: Trump: We have to take out their families
Abb. 4: Donald Trump says he will make Mexico pay for wall

Abb. 4: Donald Trump says he will make Mexico pay for wall

Abb. 5: Trump Urges 'Shutdown' On Muslims Entering US
Abb. 6: Trump über den Klimawandel
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Fußnoten

1  Georg Franck; Ökonomie der Aufmerksamkeit; 199

2 Georg Franck; Ökonomie der Aufmerksamkeit; 1998

3  http://www.forbes.com/sites/jaysondemers/2016/08/08/59-percent-of-you-will-share-this-article-without-even-reading-it/#81dfa8e64758 ( 10.1.2016 )

4 http://nymag.com/thecut/2016/10/all-the-women-accusing-trump-of-rape-sexual-assault.html ( 16.1.2016 )

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