Das Problem mit der Wahrheit
tetris-2

Kann es überhaupt eine absolute Wahrheit geben?

„Es gibt ebenso wenig hundertprozentige Wahrheit wie hundertprozentigen Alkohol.“ – Sigmund Freud

Die Wahrheit. Laut Duden ist sie ein Spiegel unserer Wirklichkeit1. Im Idealfall. Doch es gibt leider keinen Idealfall. Das, was wir als wahr bezeichnen, ist unser subjektives Verständnis von Wahrheit. Dieses subjektive Verständnis basiert einerseits auf dem Wissen, das man sich angeeignet hat und andererseits auf den Erfahrungen, die man gemacht hat. Jeder nimmt Erfahrungen auf und verarbeitet Wissen im Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten und zieht daraus seine eigenen Rückschlüsse, welche wiederum die subjektive und gesellschaftliche Realität formen. Man kann das menschliche Gehirn auch mit einem Computer vergleichen, der sich mit jedem Zuwachs an Wissen updatet und mit jedem Update ändert sich die Auffassung von Realität.

Jeder Mensch wird außerdem unter anderen geistigen und gesellschaftlichen Voraussetzungen geboren. So ist das, was man für Realität hält, im höchsten Maße kontingent und milieuabhängig. Menschen und Menschengruppen leben in ihren eigenen Realitäten, sagen die Konstruktivisten.

Mit dem Web 2.0 treffen diese Realitäten mit einer ungeahnten Wucht aufeinander. Was früher nur gedacht oder im kleineren Kreis diskutiert wurde, wird heute in der Arena des Internets ausgefochten. Ein Kampf um Wahrheiten gewissermaßen, bei dem es keinen Sieger gibt. Jeder ist sein eigener Punktrichter. Und um sich die Realität zu formen, braucht man Futter in Form von Informationen. Diese Informationen bezieht man entweder durch eigene Beobachtungen oder – was viel häufiger der Fall ist – durch andere Personen. Nur sind diese Informationen wiederum meist schon durch den „Filter“ diverser Realitäten gelaufen, bevor sie sich im Konstrukt der eigenen Wahrheit niederlassen und dort von der eigenen Erfahrung analysiert und eingeordnet werden. Sprich: hat der Informationsdistributor bösartige Absichten oder eine persönliche Agenda, kann er gezielt Falschinformationen verbreiten, um die Auffassung der Realität zu seinen Gunsten zu manipulieren. Je nach individueller Voraussetzung sind manche Menschen leichter und manche schwieriger zu manipulieren.

Die Macht der Bilder

Im Zeitalter des Computers ist die Verfälschung und Fälschung von Information – sei es in Form von Text, Video oder Bild – so einfach wie nie zuvor. Jeder kann sich ohne Probleme Bearbeitungssoftware zulegen und die Ergebnisse dieser verbreiten. Bilder sind ein beliebter Gegenstand für Manipulationen, da sie ihn ihrer Wirkungskraft und Simplizität unerreichbar sind. Es gibt keine sprachliche Barriere. Bilder wirken direkt, ohne Umweg und umgehen so oft unsere persönlichen Filter. Mit Bildern kann man komplexe Verhältnisse und Umstände innerhalb von Sekunden verständlich machen. So sagt Prof. Dr. Dieter Georg Adlmaier-Herbst, Experte für Kommunikation: „Bilder wirken schnell: Wir nehmen sie 60.000 Mal schneller wahr als Texte. Ein flüchtiger Blick reicht, um uns einen ersten Eindruck zu machen und emotional einzusteigen. In Zahlen: 0,1 Sekunden reichen, damit wir uns grob etwas unter dem Bild vorzustellen können. In einer Sekunde können wir 5 Bilder im Schnelldurchlauf erkennen – mit kritischem Bewusstsein wäre dies nicht möglich. 2 Sekunden ein Bild zu betrachten reichen aus, damit wir es später sicher wiederzukennen. Wenn also Ihre Kommunikation schnell gelingen soll: Setzen Sie auf Bilder.2“ Im Idealfall hat das Bild einen hohen emotionalen Anteil, da Bilder schneller vom Hirn verarbeitet werden.

Dies hat evolutionäre Gründe. In der Frühzeit war der Mensch auf eine schnelle Einsetzung von Gefahrensituationen angewiesen. Das Lesen und schnelle Einschätzen von Emotionen und Situationen entschied über Leben und Tod3. Das Gehirn verwendet auf solche Art von Stimuli mehr Ressourcen und die Erinnerung, sprich der Langzeiteffekt, bleibt viel länger und intensiver erhalten4. Diesen Urinstinkt nutzt die Nachrichten- und Werbewelt im Kampf um die Aufmerksamkeit konsequent aus.

Manipulierbarkeit der Medien

Die manipulative Wirkung von Bildern erzeugt also eine hohe Effektivität. So wundert es kaum, dass Bilder oft optisch verfälscht oder in einem falschen Kontext gezeigt werden. Ein emotional aufgeladenes Bild lässt unser Urteilsvermögen kurzzeitig schwinden und führt nicht selten zu heftigen Reaktionen. Dasselbe Prinzip machen sich auch Filme zu nutze, denn obwohl man weiß, dass es sich bei den Protagonisten nur um Schauspieler handelt und die Geschichte in den meisten Fällen fiktiv ist, reagiert unser Gehirn trotzdem, ja gewissermaßen automatisch auf die emotionalen Reizangebote. Das Gesehene fühlt sich sehr real an und die Emotionen überlagern das rationale Denken.

Kann sein, dass man beim Wort Manipulation im ersten Moment vielleicht nur an Photoshop oder an das Hinzufügen und Entfernen sensibler Bildelemente denkt. Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass bereits die Auswahl des Bildausschnittes sowie der Moment, in dem der Auslöser eines Fotos gedrückt wird, bestimmen, was gesehen wird. Die Wirkweise eines Bildes ist also stark mit der Intention des Autors eines Bildes, dem Fotografen, verbunden.

Auch ästhetische Veränderungen und Manipulationen wie die Anpassung von Farbton oder Kontrast haben einen starken Einfluss auf das Bild. So kann man bewusst ein Bild auswählen, das am besten zu der Version der Geschichte passt, die man erzählen will. Es ist auch nicht unüblich, Bilder in den falschen Kontext zu stellen beziehungsweise sie aus dem Fotoarchiv zu holen, um aktuellen Ereignissen ein Gesicht zu geben. Viele Nachrichtenagenturen sehen sich hierzu regelrecht gezwungen, da sich Nachrichten mit Bildern besser verkaufen lassen und man nicht abwarten will, bis man tatsächliche Aufnahmen von den aktuellen Geschehnissen hat. Ob schlampige Recherche, Kalkül oder bewusste Manipulation dahinter steckt, kann man oft nicht genau sagen.

Die nachträgliche Fotomanipulation ist aber nicht neu. Sie ist fast so alt wie die Fotografie selbst. Bereits im amerikanischen Bürgerkrieg der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts waren Bildmontagen ein verbreitetes Phänomen. So wurden etwa Generäle in heroischeren Posen vor Schlachtfeldern gezeigt, obwohl es sich in Wahrheit so gar nicht abgespielt hatte ( Abb. 1 ). Präsident Lincoln wurde kurzerhand mit einem neuen Körper versehen, da von ihm kein Foto in staatsmännischer Pose vorhanden war. Die Fotomontage im Zusammenspiel mit politischer Macht ist auch in der stalinistischen Ära Russlands ein beliebtes Mittel der Geschichtsverfremdung gewesen. Das historisch wohl bekannteste Beispiel ist die Manipulation eines Bildes, das Lenin und Leo Trotzki während einer Rede auf dem Platz vor dem Bolschoi-Theater in Moskau zeigt. Nach dem Tod Lenins im Jahr 1924 entbrannte innerhalb der KPdSU ein Machtkampf zwischen Trotzki und Stalin, in dessen Verlauf sich Trotzki ins Exil gezwungen sah. Stalin, der von nun an alleiniger Machthaber innerhalb der KPdSU war, wollte die Verbindungslinie von dem sozialistischen Übervater Lenin zu Trotzki kappen. Dazu gehörte eben auch die Manipulation des Fotos des besagten Ereignisses ( Abb. 2 ).

Besonders Diktaturen und Autokratien haben eine hohe Affinität zu Fotomontagen, da diese bei der Mythenbildung und politischen Lenkung ein unverzichtbares Mittel sind. So wurde Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß aus einem Bild, das am Tag der Machtergreifung Hitlers entstanden war, kurzerhand entfernt. Er war für Friedensverhandlungen eigenmächtig nach Großbritannien geflogen, ohne Hitler drüber zu informieren. Hitler sah dies als Verrat und ordnete die Tilgung Heß’ aus gewissen Bilddokumenten an ( Abb. 3 ).

Abb. 1: Bildmontage im amerikanischen Bürgerkrieg

Quelle:

Library of Congress

Abb. 2: Geschichtsfälschung im Auftrag Stalins

Quelle:

Staatliches Historisches Museum Moskau

Abb. 3: Bildmanipulation im dritten Reich

Quelle:

ullstein bild

Mit der Digitalisierung der Bilder hat deren Manipulierbarkeit drastisch zugenommen. Man könnte auch sagen, die Möglichkeiten der Manipulierbarkeit haben sich egalisiert. Brauchte es früher einen exklusiven Staatsapparat, um Bilder zu manipulieren, reichen heutzutage ein paar Mausklicks auf dem heimischen PC. Mit Hilfe von Photoshop und ein bisschen Übung kann fast jeder ein Foto ganz nach seinen Vorstellungen erzeugen bzw. verfälschen. Die Technologien sind soweit fortgeschritten, das selbst Experten Probleme haben, die Echtheit eines Fotos zu bestimmen. Die Manipulationen reichen von harmlos, wie etwa das Retuschieren körperlicher Makel nach einem Fotoshooting, bis politisch motiviert, wie im Fall von Kim Jong-il, der im Jahr 2008, um die Gerüchte seiner schlechter werdenden Gesundheit zu zerstreuen, ein gemeinsames Foto mit seinem Generalstab veröffentlichen ließ, in dem er mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms hineingeschnitten wurde.

 Unabhängig davon, aus welcher Motivation die Bildmanipulation entsteht, hat sie einen unmittelbaren Einfluss auf unsere Auffassung der Realität. Hinter jeder Manipulation steckt das Bedürfnis des Manipulators, Meinungen und Emotionen in eine gewisse Richtung zu lenken. Unsere unbewusste Bereitschaft den Eindrücken „starker“ Bilder zu folgen, wird kalkuliert und oft auch strategisch ausgenutzt.

Und nicht nur die statischen Bilder sind von Manipulationen betroffen. Auch bewegte Bilder sind leichter zu manipulieren als je zuvor. Mit Hilfe von Videobearbeitungsprogrammen wie etwa After Effects kann man mit geringem Aufwand erstaunliche Effekte erzielen. Am Beispiel des IS wird das besonders deutlich. Der sogenannte Islamische Staat (IS) bedient sich seit seiner Entstehung modernster Medientechnologien, um die Welt zu schockieren. So sind einige der kontroversesten und spektakulärsten Exekutionen, die weltweit offen im Netz standen und von jedermann angesehen werden konnten, in einer Studioumgebung gedreht und nachgehend so bearbeitet worden, dass sie dem Anschein nach in einer Wüste stattfanden6. Der IS ist sich der Wirkweise von Bildern offensichtlich sehr bewusst und versucht durch hoch professionell gedrehte und geschnittene Propagandavideos neue Soldaten und Mitstreiter zu rekrutieren ( Abb. 4 ). Und dies mit großem Erfolg. Die Internetpropaganda des IS ist so effektiv, dass sich vor allem junge Männer hauptsächlich – inzwischen werden es auch immer mehr Frauen – durch das Internet radikalisieren, ohne jemals direkten Kontakt mit einem IS Vertreter gehabt zu haben.

 Auch populistische Parteien wie die AfD oder sogenannte neurechte Gruppierungen wie die öffentlichkeitswirksam agierende Identitäre Bewegung setzen vermehrt auf das Internet und die Macht der Bilder. Die Zeit eines angestaubten gestrigen Nationalismus’ scheint vorbei. Ein neuer moderner Nationalismus, der sich als coole Gegenbewegung inszeniert, bringt sich mithilfe der Medientechnik in Stellung.

Abb. 4: Hochproffesionelles ISIS Propagandavideo
Quelle:

http://www.dailymail.co.uk/video/news/video-1231868/ISIS-taunts-America-West-new-propaganda-video.html

Abb. 5: Youtubevideo der Identitären Bewegung

In der Zukunft wird Medienmanipulation einen noch größeren Einfluss auf unsere Nachrichtenwelt haben als sie es ohnehin schon hat, da die Technologien dafür immer einfacher zu bedienen sind und mit der Zeit immer besser werden. So ist es jetzt schon möglich, nur mit einer Webcam ausgestattet, jemandes Mimik und Lippenbewegung zu übertragen. Der Schaden, den so eine Technologie in den falschen Händen anrichten kann, ist enorm. Die ohnehin schon vorhandene Skepsis vieler Bürger gegenüber den Medien wird somit weiter steigen. Jeder kann durch die Verbreitung der Bearbeitungssoftwares inzwischen gefälschte Aufnahmen in das Netz stellen und großen Schaden anrichten.

Fußnoten

1 http://www.duden.de/rechtschreibung/Wahrheit ( 8.1.2017 )

http://dietergeorgherbst.de/bildeigenschaften-wir-schauen-lieber-als-wir-lesen/ ( 8.1.2017 )

3 From psycholocical Stress to the emotions: A History of Changing Outlooks; R.S Lazerus, S. 12

4 Affective picture processing: An integrative review of ERP findings; S.8

5 http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/northkorea/3393688/Was-Kim-Jong-il-photo-manipulated.html ( 8.1.2017 )

6 https://www.youtube.com/watch?v=hko9OopvG24

7 https://www.divsi.de/wp-content/uploads/2016/11/Radikalisierung-Jugendlicher-ueber-das-Internet.pdf S.38-39

8 http://www.graphics.stanford.edu/~niessner/thies2016face.html ( 9.1.2017 )

 

Literaturverzeichnis

http://archive.boston.com/bostonglobe/ideas/articles/2010/11/28/information_overload_the_early_years/?page=4 ( 6.1.2017 )

https://hbr.org/2011/03/information-overloads-2300-yea.html ( 8.1.2017 )

http://www.chronicle.com/article/Information ( 8.1.2017 )

Contact Us

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Not readable? Change text.

Start typing and press Enter to search